Die lieben Kollegen –
ein (politisch unkorrektes) Glossar zur deutschen Journalistenszene


Von Hajo Schumacher. Mit Bildern von Burkhard Piller.




Journalisten sind wie Insekten. Es gibt unzählige Arten: große, kleine, schillernde, giftige, laute, aggressive, träge, lästige. Die in den Portäts zuvor skizzierten Alpha-Journalisten sind damit keineswegs allein im Biotop der deutschen Medienproduktion. Auf Verlagsetagen und in Rundfunksendern tummeln sich noch Chefredakteure, Medienmanager und die weniger exponierten Kollegen. Höchst unterschiedlich sind ihre Strategien, mit denen sie Erfolg (im Job), Respekt (in der Branche) und Aufmerksamkeit (beim Publikum) erlangen möchten. Einen Überblick verschafft die folgende Typologie der deutschen Journalistenszene, wobei Mischformen nicht selten, sondern selbstverständlich sind:



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Der Machtvolle: Regiert ein großes auflagenstarkes Blatt, sehr viel seltener einen Sender. Eher konservativ orientiert. Seine Aura entspricht etwa der von Caligula. Alle reden schlecht über ihn, vor allem seine Untergebenen, die es jedoch nie wagen würden, ihn offen zu kritisieren. Der Machtvolle hat ohnehin immer Recht. Wird zu allen Events eingeladen, kommt aber nur selten. In der Öffentlichkeit ist vor allem seine Kampagnen-Macht gefürchtet. Mag sein Blatt auch nicht jeder gelesen haben, so reden doch alle darüber. Um nur nicht Kampagnen-Opfer zu werden, mühen sich Wirtschaftsbosse, Parteivorsitzende, Schauspieler und allerlei Promis stets, in der Gegenwart des Machtvollen gute Laune zu verbreiten oder, besser noch, exklusive Informationen zu liefern, als eine Art Vorwärtsverteidigung. Deswegen ist der Machtvolle immer bestens informiert und wird immer machtvoller.


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Der Kanalarbeiter: War früher mal ein Machtvoller, hat sich aus dem operativen Tagesgeschäft aber zurückgezogen, nicht ohne die ein oder andere Abfindungsmillion mitzunehmen. Gilt als unabhängig, wird deswegen als verschwiegener Ratgeber geschätzt. Hat unendlich viele Handy-Nummern. Am Abendbrottisch von Günther Jauch ebenso zu finden wie in der Umgebung von Altkanzlern. Würde aber nie darüber schreiben. Verfasst nurmehr Bücher oder erlesene Miniaturen, die ins Grundsätzliche spielen, betreibt Agenturen und geht bisweilen seltsamen Hobbys nach. In seiner unangenehmen Ausprägung ist der Kanalarbeiter ein schwer erträglicher Motzki, der jeden Satz mit »Früher ...« beginnt, als angeblich alles besser war. Grundsätzlich aber eine Instanz.




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Der Pionier: Eher jung und gemäßigt unangepasst. Steht im Verdacht, Einsicht in letzte Weisheiten zu haben. Er (oder sie) ist selbstbewusst, dickköpfig, charismatisch und traut sich was. Schlägt Schneisen in Urwälder und erobert neues Land. Setzt oft eigenes Geld und immer viel Energie ein. Treibt Verleger und erst recht an Morbus McKinsey leidende Controller zur Verzweiflung. Kultiviert vermeintlich unfruchtbares Terrain und machen die wunderbare Erfahrung, dass es ein Leben außerhalb des Verlagszuchthauses gibt. Seine Pflanzen heißen Tempo, monopol, brand eins, Neon. Hinterher haben es natürlich alle gewusst, dass das Projekt ein Erfolg werden würde. Übrigens: Augstein, Nannen, Bucerius und manch’ anderer Veteran waren Pioniere.




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Der Controller: Journalistisch unbedeutend. Bei Verlegern und Intendanten dennoch beliebt, weil er mit kleinen Budgets umgehen kann. Damit produziert er zwar selten Qualität, aber beim Chef und den Anteilseignern gute Laune. Quetscht Redaktionen und Freie bis auf die Knochen aus. Einen Teil vom Gesparten bekommt er als Weihnachtsgratifikation. Einziger Vorteil: sensationelle Karrierechancen für Praktikanten, sofern sie zwei Redakteure ersetzen und nicht mehr als 300 Euro im Monat verdienen wollen.




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Das TV-Gesicht: Als Mann mittelbraun, als Frau vorwiegend blond, ewig in den alterslosen Dreißigern. Hießen einst Ansager. Wenige Erstklassige, viele, die es mal werden wollen. Feilen auf Prominenten-Golfturnieren, die von Uhren- oder Schaumwein-Herstellern gesponsort werden, an ihrem Handicap. Irgendwie bekannt, aber man kann sich weder ihre Namen noch ihre Sender merken. Stehen in Bunte und Gala weiter hinten, meist ohne Foto. Haben Kopfdrehen und Kulifechten bei cnn abgeguckt. Sind allerdings nicht unwichtig, weil sie eines Tages womöglich doch in wichtige Funktionen rücken. Bis dahin weitgehend einflusslos, auch wenn sie unter großem Machtverdacht stehen. Fernsehen halt. Werden überall eingeladen.




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Der Wühler: Von rastloser Besessenheit bei der Jagd nach der großen Story. Hat früher ein paar feine Scoops gelandet, an die er zu gerne noch mal anknüpfen würde. Leidet daran, dass die deutsche Skandal-Maschinerie nicht mehr so leicht zu bedienen ist wie einst. Kennt etwa die Hälfte der deutschen Juristen, eben die, die seiner eigenen Volkspartei nahe stehen. Distanziert sich vehement von Verschwörungstheorien der Kollegen, um eben jene selbst fortwährend zu insinuieren. Hat ein gewaltiges Archiv und ein formidables Gedächtnis, aus dem er sich jederzeit bedienen kann. Manchmal genügt ein frischer Einstieg, um die alten Sachen wieder taufrisch erscheinen zu lassen.




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Elder Statesmen: Männer und Frauen mit Meinung und einer Haltung, die sie auch noch geschliffen zu Papier oder auf den Schirm bringen können. Nur bei Qualitätsblättern und den öffentlich-rechtlichen Anstalten zu finden. Journalisten, denen man zuhört, weil sie schon eine Menge erlebt und gesehen haben, ohne in Nostalgie zu verfallen. Ihre Stücke sind meistens gewinnbringend oder zumindest einen Gedanken wert, denn sie kombinieren Lebensweisheit, Nachricht und wohltuende Gelassenheit. Nennen sich selbst oft Publizisten.




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Even Elder Statesmen: Stammesälteste, denen bedingungsloser Respekt entgegegengebracht wird. Sind 80 Jahre alt oder kurz davor, haben den Krieg erlebt und werden vor allem in Krisenzeiten, zu Jahres- oder Feiertagen konsultiert, also immer. Ziehen historische Parallelen, denen Nachgeborene trotz verschärften Nachdenkens nicht immer folgen können. Sie nuscheln, poltern, schwadronieren und äußern bisweilen Unsinn, aber das dürfen sie auch. Die, die sich heute genervt fühlen von ihnen, sind morgen die ersten, die sie vermissen.




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Der Trendsetter: Steht sein Leben lang unter Hippness-Verdacht, weil er irgendwann einmal etwas ganz Neues gemacht hat – Zeitung, Zeitschrift, eine Sendung. Kann schon 30 Jahre her sein. Die Idee hat er irgendwo im Ausland geklaut, aber das hat keiner gemerkt. Wird immer dann gerufen, wenn was zu renovieren ist. Tritt dann mit verschärftem Welterklärer-Gestus auf. Entscheidender Vorteil: Er kann nie verlieren. Hat er Erfolg, hat sich seine Genialität bestätigt, hat er keinen, war die Redaktion zu dumm, oder der Leser, oder der Verleger. Nur er nicht.




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Der Flaneur: Trägt Schal, Brille, steht meistens am Rand. Guckt britisch und kunsthistorisch, macht auf liberal-konservativen Totalindividualisten. Verachtet alles, was Mainstream ist. Recherchiert praktisch nie. Hält seine Beobachtungsgabe für unbestechlich. Checker. Kann in einen literarisch verarbeiteten Blick aus dem Fenster die Geschichte der Quantenphysik unterbringen. Merkt nur keiner außer ihm. Würde am liebsten jede Geschichte mit ›Ich‹ beginnen, ach was, jeden Satz. Hat aber bei Hunter S. Thompson gelesen, dass das uncool sei. Problem: zu ewiger Skepsis verdammt, praktisch unmöglich für ihn, in Würde eine eigene Meinung zu haben. Könnte ja schon ein anderer haben. Laviert also weiter.




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Rambo: Fremdenlegionärs-Mentalität, wenn auch nur aufgesetzt, deswegen umso lautstärker, oft mit Alkohol- oder Drogenproblem. Rammstein-Journalismus als Kompensation für alles. Direkt in die Fresse. Seine Geschichten sind Krieg. Immer geht es gegen alle um alles. Oft um einsame Kerle. Und Frauen. Leider immer unerreichbar. Ewig säftelt die Feder. Meister der steilen These. Hauptsache laut, ungerecht, undifferenziert, aber testosteron-haltig. Und voller Hass.




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Der Pop-Journalist: Galt mit Anfang 20 mal als heißer Anwärter auf den Kisch-Preis. Er war so anders, so verwundbar, so ..., so ..., so ... wütend irgendwie auch total. War immer Menschenfeind, denkt sich lieber was aus, als sich an der Realität zu langweilen: Gucci gegen Prada oder Pepsi gegen Coca-Cola, oder so. Konsumverhalten als Weltordnungsprinzip. Immer Stars und Musik, vor allem Madonna. Verachtet mit 40 allerdings eben das, was er vor einer Generation selbst erzählt und geschrieben hat, dass nämlich alles Pop ist, auch Fußball, nur Politik nicht. Leidet unter diesem unbestimmten Gefühl, dass sein Berufsleben mit 25 bereits seinen Höhepunkt hatte, den er aber leider nicht bemerkt hat. Macht jetzt Yoga und recycelt alte Geschichten.



Der Anti-Mainstreamer: Fröhlicher Dekonstruktivist, meist im Kommentarteil zu finden. Nimmt sich eine vorherrschende Meinung (»Gesundheitsreform ist schlecht«) und behauptet das genaue Gegenteil. Argumente finden sich immer, die Evaluation des Geschriebenen findet dagegen nie statt. Mit den Jahren entsteht so die Aura des Querdenkers, der unter Intellektuellen-Verdacht steht und als unabhängig gilt.




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Der Medien-Manager: Betrachten den Journalismus als Zwischenschritt auf dem Weg zum großen Ziel, ein Medienmogul zu werden. Sie wollen von klein auf in Vorstand oder Aufsichtsrat, ihr Ziel ist nicht die perfekte Geschichte, sondern die strahlende Bilanz. Macht nur Halt in den Medien, um seine Chancen auf eine Karriere im Konzern zu erhöhen.






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Der Apparatschik: Praktisch die gesamte Führungselite des öffentlich-rechtlichen Rundfunks; in der zweiten Reihe finden sich die schlimmsten Ausprägungen. Haben nie dauerhaft journalistisch Qualität produziert, wussten sich aber seit ihrem Volontariat in den vermachteten Strukturen ihrer Anstalten zu bewegen ohne anzustoßen. Hätten auch in jeder Partei Karriere gemacht.





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Der Journalisten-Darsteller: Meist ältere Fernsehansager, die nach 40 sinnleeren Dienstjahren der Welt noch einmal Wesentliches mitteilen, vor allem aber mal Applaus für Content bekommen möchten. So entstehen bahnbrechende Werke, die den Ehrlichen zum Dummen und das Ende der Spaßgesellschaft erklären. Hat mit Journalismus nichts zu tun, eher mit Seniorenheim-Lyrik.



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Der Inszenierer: Weiterentwicklung des Journalisten-Darstellers. Liefert mediokre Beiträge, deren Bedeutung er aber durch geschickte beruf-ständische Marketing-Aktivitäten aufbläst, getarnt als Sorge um die Qualität des Journalismus. Gründet seinen eigenen Journalisten-Verband, den er zum besten des Landes erklärt, veranstaltet Seminare, maßt sich Sprecherrollen an, Lieblingswort: Struktur. Oder gibt ein Buch heraus mit großdröhnendem Titel, wahlweise »Krise ...«, »Abgründe ...«, »Fehlentwicklungen ...« oder »Probleme des Journalismus«, um sich selbst als Lösung zu präsentieren. Der Trick dabei: andere schreiben lassen, aber selbst allein als Herausgeber auf dem Cover stehen. So wird man automatisch Ober-Journalist.




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Der Verbandnik: Wer nicht geschafft hat, einen großen Berufsverband anzuführen, kann einen Spezialverband übernehmen. Oder sich zum Vorsitzenden von Bundes- bzw. Landespressekonferenz wählen lassen. Einmal im Jahr kommen Kollegen und Lobbyisten garantiert angewieselt – wenn es darum geht, günstig Karten für den Presseball zu bekommen.







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Der Volkstribun: Volldröhnender Kommentator mit permanentem Das-muss-doch-mal-gesagt-werden-Gestus, der es denen da oben mal zeigen will und sich nicht scheut, auch unbequeme Wahrheiten auf den Punkt zu bringen. Versteht sich als Stimme des kleinen Mannes; wie dieser wechselt er auch öfter mal Meinung und Haltung. Große Zustimmung aus dem Volk.




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Das Frontschwein: Entspricht am ehesten dem Typus des Journalisten, wie er in amerikanischen Filmen dargestellt wird. Sieht aus, als habe er die letzte Nacht unter einer Brücke verbracht, oft leicht bis mittelschwer rotnasig, immer Cognac in der Schublade. Hat untrüglichen Instinkt für Geschichten, wittert Unrat und Korruption, ist erstklassig vernetzt, stellt in Pressekonferenzen immer die Fragen, für die sich andere Kollege schämen würden, um hinterher doch recht zu behalten. Bringt das Kunststück fertig, sich auch nach 30 Berufsjahren noch für seinen Job begeistern zu können.




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Der Newcomer: Hält sich nicht an die klassischen Aufstiegskorridore, sondern ist eines Tages einfach da, im Rampenlicht. Ist entweder besonders frech, besonders talentiert, besonders gebildet, besonders abgedreht oder arbeitet in einem neumodischen technischen Medium. Ist deswegen so erfolgreich, weil er nicht so langweilig ist wie der große Rest. Gewinnt meist schon im ersten Jahr einen oder mehrere Preise, wonach sich entscheidet, ob er ein One-Hit-Wonder bleibt, frühblasiert endet oder einfach nur auf dem Teppich und mithin der spannende Kollege bleibt (eher unwahrscheinlich).




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Stimme der Minderheit: Wiederholt über Jahrzehnte den Dreiklang von Diskriminierung, Verfolgung, Gerechtigkeit. Seine Berufung sind Opfersein und Anklage. Qualifikation für diesen Typus ist ein ungewöhnliches Geschlecht (Frau), eine exotische Herkunft (Ostdeutschland) oder die Zugehörigkeit zu einer Kultur- oder Glaubensgemeinschaft, die nicht den Konventionen des herrschenden White Male Trash entspricht, der wiederum den potenziellen Feind abgibt in seiner wechselnden Rolle als Nazi, Chauvi oder Autobahnraser. Kombinationen (z.B. türkischstämmige Ostdeutsche) von Vorteil. Garantierter Platz in Jurys und Talkshows, gutdotierte Buchverträge in Aussicht.




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Der Musterknabe: Unbestechlich, uneitel, fleißig, fair, umgänglich, verantwortungsvoll, gut ausgebildet, mit internationalem Blick, kollegial, unabhängig, mit sicherem Urteil und unbeugsamer, der Pressefreiheit verpflichteter Haltung. Gibt es leider nur im Film.